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Gegen Hass aus der Mitte der Religionen

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Am heutigen Pfingstsonntag erinnern sich Christen daran, wie der Heilige Geist in Feuerzungen auf die Jünger kam und sie befähigte, in vielen Sprachen zu sprechen – sodass Menschen unterschiedlicher Herkunft einander verstehen konnten.

Was wie ein Wunder begann, erzählt von einer tiefen Wahrheit: Wo Gottes Geist wirkt, werden Grenzen nicht verhärtet, sondern überwunden. Verschiedenheit wird nicht zur Bedrohung, sondern zur Möglichkeit der Begegnung. Pfingsten ist damit nicht nur ein Fest der Kirche, sondern ein Bild gegen Angst, Ausgrenzung und Hass – und für Verständigung, Würde und gemeinsames Menschsein.

Religiöse Traditionen sind unterschiedlich, doch in einer Grundintuition berühren sie sich: Der andere Mensch ist nicht zum Verachten da. Gegen den interreligiösen Widerspruch für Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und völkisches Denken lassen sich aus mehreren Glaubenstraditionen starke Texte und Leitgedanken zusammentragen.

Wer religiöse Sprache benutzt, um Menschen abzuwerten, Feindbilder zu pflegen oder ethnische Überlegenheit zu predigen, widerspricht in vielen Fällen den eigenen Quellen.

Das gilt für christliche, islamische, buddhistische, konfuzianische und weitere religiöse Traditionen ebenso wie für viele indigene Glaubensformen, die den Zusammenhang von Mensch, Gemeinschaft und Welt betonen.

Christentum

Im Neuen Testament steht die Gleichwertigkeit der Menschen in Christus ausdrücklich gegen jede Ideologie, die Menschen nach Herkunft oder sozialem Rang sortiert:

„Hier ist nicht Jude noch Grieche … denn ihr seid alle einer in Christus Jesus“ (Galater 3,28). Zugleich verpflichtet das biblische Gebot, den Fremden wie einen Einheimischen zu behandeln und ihn zu lieben, zu einer klaren Absage an Fremdenfeindlichkeit.

Galater 3,28 (Koine-Griechisch)

οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ· πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ.

Mose 19,34 (Hebräisch, zitiert nach verbreiteter Textfassung)

.כְּאֶזְרָח מִכֶּם יִהְיֶה לָכֶם הַגֵּר הַגָּר אִתְּכֶם וְאָהַבְתָּ לוֹ כָּמוֹךָ כִּי גֵרִים הֱיִיתֶם בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם

Christlicher Glaube kennt Nächstenliebe, nicht Menschenverachtung; Schutz des Fremden, nicht seine pauschale Abwertung.

Islam

Der Koran begründet die Vielfalt der Menschen nicht als Hierarchie, sondern als Anlass zum gegenseitigen Kennenlernen. In Sure 49:13 wird ausdrücklich betont, dass die Würde des Menschen nicht an Stamm, Volk oder Herkunft hängt, sondern an Gottesfurcht und moralischer Haltung.

Sure 49:13 (Arabisch)

.يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَاكُم مِّن ذَكَرٍ وَأُنثَىٰ وَجَعَلْنَاكُمْ شُعُوبًا وَقَبَائِلَ لِتَعَارَفُوا ۚ إِنَّ أَكْرَمَكُمْ عِندَ اللَّهِ أَتْقَاكُمْ ۚ إِنَّ اللَّهَ عَلِيمٌ خَبِيرٌ

Ein oft zitierter Hadith aus der Abschiedspredigt des Propheten stellt denselben Gedanken noch schärfer heraus:

Kein Araber ist einem Nichtaraber überlegen und kein Weißer einem Schwarzen, außer in Gottesfurcht. Damit steht der Islam in seinen normativen Quellen gegen rassische Überlegenheitsphantasien und gegen identitäre Abwertung anderer Menschen.

Buddhismus

Im Dhammapada wird ein Grundgesetz des Umgangs mit Konflikten formuliert: Hass endet nicht durch Gegengewalt oder Gegenhass, sondern nur durch NichtHass.

Dieser Satz gehört zu den bekanntesten und am besten belegten buddhistischen Lehrsätzen gegen Eskalation.

Dhammapada 5 (Pali)

Na hi verena verāni sammantīdha kudācanaṃ; averena ca sammanti, esa dhammo sanantano.

Wer buddhistische Begriffe wie Mitgefühl, Metta oder Achtsamkeit ernst nimmt, kann deshalb Hetze, Entmenschlichung und politische Feindbildpflege nicht religiös rechtfertigen. Hass mag mobilisieren, doch nach buddhistischem Verständnis vermehrt er nur Leid.

Hinduismus

Der Hinduismus besitzt keine einzige zentrale Autorität, doch breite Stränge hinduistischen Denkens betonen Ahimsa, also das Nichtverletzen, als grundlegendes ethisches Ideal. Moderne Einordnungen zu Hinduismus und Gewalt halten fest, dass friedfertige und gewaltkritische Lesarten für das Selbstverständnis vieler Hindu-Traditionen zentral sind.

Wer in jedem Lebewesen einen Anteil des Göttlichen achtet, kann Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft hassen oder entwürdigen. Kein Glaube an das Heilige rechtfertigt die Verletzung des anderen.

Konfuzianismus

Auch der Konfuzianismus formuliert eine klare Absage an egoistische Rücksichtslosigkeit. In den Analekten antwortet Konfuzius auf die Frage nach einem Lebensgrundsatz mit dem Prinzip der Gegenseitigkeit: Was man für sich selbst nicht wünscht, soll man anderen nicht antun.

Analekten 15:23 (Chinesisch)

己所不欲,勿施於人。

Dieser Satz eignet sich hervorragend gegen jede politische Kultur der Erniedrigung. Wer nicht selbst verachtet, entrechtet oder pauschal verdächtigt werden will, darf genau das auch anderen nicht antun.

Shinto

Im Shinto steht weniger ein einzelnes universales Schriftzitat im Vordergrund als eine Praxis der Reinheit, der Aufrichtigkeit und der harmonischen Einbettung in Gemeinschaft und Welt.

Daher ist es angemessen, den Shinto nicht mit zugespitzten Scheinzitaten zu behandeln, sondern mit seinen Leitideen von makoto (Aufrichtigkeit) und wa (Harmonie), die sozial destruktiver Hetze entgegenstehen.

Gerade deshalb lässt sich im interreligiösen Zusammenhang sagen: Wo Menschen bewusst Hass säen, die Gemeinschaft vergiften und andere verunreinigt darstellen, steht das quer zu einer religiösen Kultur, die auf Reinigung, Respekt und harmonische Beziehung zielt.

Afrikanische Religionen und Ubuntu

Von „den afrikanischen Religionen“ im Singular zu sprechen, wäre ungenau, weil der Kontinent eine Vielzahl eigenständiger Traditionen kennt.

Ein anschlussfähiger ethischer Leitgedanke aus vielen afrikanischen Denkwelten ist jedoch Ubuntu: Menschsein verwirklicht sich in Beziehung, Würde entsteht im Mitsein mit anderen, nicht in ihrer Herabsetzung.

Für die öffentliche Debatte lässt sich das einfach formulieren: Wer andere Menschen erniedrigt, beschädigt nicht nur sie, sondern auch das eigene Menschsein. Hass zerstört Gemeinschaft. Religiös gesprochen verfehlt er das Leben in Verbundenheit.

Vodou / Voodoo

Auch bei Vodou-Traditionen ist Vorsicht wichtig, weil westliche Debatten sie oft verzerren oder folkloristisch missverstehen. Seriös ist es, nicht mit erfundenen „Schockzitaten“ zu arbeiten, sondern darauf hinzuweisen, dass Vodou in vielen Ausprägungen auf Beziehung, Ahnenverbundenheit, gegenseitige Verpflichtung und das Gleichgewicht zwischen Menschen, Geistwesen und Gemeinschaft zielt.

Eine Religion, die auf Verbundenheit und wechselseitige Verantwortung ausgerichtet ist, kann nicht glaubwürdig zur Entmenschlichung anderer benutzt werden. Wo Religion Gemeinschaft stiftet, ist Hass ein Verrat an ihrem Sinn.

Glauben der indigenen Völker Australiens

Bei den Glaubenswelten der indigenen Völker Australiens gilt dasselbe: Es gibt nicht die eine einheitliche Lehre, sondern viele Traditionen, Sprachen und lokale Überlieferungen. Häufig betont werden jedoch Verwandtschaft mit Land und Lebewesen, Verantwortung gegenüber dem Beziehungsgeflecht der Welt und die Pflicht, das Gleichgewicht zu achten statt es zu zerstören.

Wer Menschen und Lebenswelten abwertet, trennt sich von der Ordnung der Verbundenheit. Eine Spiritualität der Beziehung widerspricht jeder Ideologie, die von Abgrenzung, Hierarchie und Verachtung lebt.

Gemeinsame Linien

Trotz aller Unterschiede zeigen die hier versammelten Traditionen mehrere gemeinsame Linien.

Erstens wird die Würde des anderen Menschen nicht aus ethnischer Zugehörigkeit abgeleitet, sondern aus einem höheren moralischen oder spirituellen Zusammenhang.

Zweitens gilt Hass nicht als Zeichen von Stärke, sondern als moralische Verfehlung, die Gemeinschaft beschädigt und Leid vermehrt.

Religion taugt nicht dazu, Menschen zu sortieren, abzuwerten oder gegeneinander aufzubringen.

Wer sich auf Glauben beruft, sollte sich an den Stellen messen lassen, an denen Glaube den Fremden schützt, die Gleichwertigkeit betont, Gegenseitigkeit einfordert und Hass zurückweist.

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