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Warum wir mit der Klimakrise falsch verhandeln: Adler, Psychologie und die stummen Naturgesetze

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Menschen sind – in adlerianischer Perspektive – Meister darin, Probleme zu erzeugen und zu lösen, sobald andere Menschen beteiligt sind.

Mit Naturgesetzen lässt sich dagegen nicht verhandeln, und genau hier kollidiert unser gewohntes Deutungs‑ und Konfliktmuster mit Krisen wie der Klimakatastrophe.

Adlers Brille: Probleme sind zwischenmenschlich

Alfred Adler versteht den Menschen als grundsätzlich soziales Wesen, dessen Verhalten auf Ziele und Zwecke ausgerichtet ist und sich immer im Kontext anderer Menschen formt. In der Individualpsychologie gelten psychische Probleme im Kern als Beziehungs‑ und Gemeinschaftsprobleme – sogar Einsamkeit oder Selbstzweifel setzen den impliziten Vergleich mit anderen voraus.

Das berühmte Gemeinschaftsgefühl – soziales Interesse – beschreibt die Fähigkeit, sich mit anderen verbunden zu fühlen und Verantwortung „aller gegenüber allen“ zu übernehmen.

Konflikte, Schuldzuweisungen, Machtkämpfe und Kränkungen spielen sich in diesem Feld ab und sind damit im wörtlichen Sinne menschengemacht.

Wichtig ist dabei eine Klarstellung: Adler selbst spricht vor allem über Probleme im Feld menschlicher Beziehungen – Konflikte, Minderwertigkeitsgefühle, Machtkämpfe.

In diesem Beitrag übertrage ich diesen Gedanken bewusst auf den Umgang mit Naturkrisen: Ich lese die Klimakrise durch eine adlerianische Brille, obwohl Adler sie in dieser Form nie diskutiert hat.

Unsere gelernten Muster sind dabei vor allem Muster für zwischenmenschliche Situationen: verhandeln, beschuldigen, rechtfertigen, Kompromisse schließen, Allianzen bilden. Diese Muster sind funktional, solange es um Anerkennung, Status, Nähe oder Gerechtigkeit zwischen Menschen geht – also um jene Beziehungen, die unseren Alltag dominieren.

Theologie: Wenn Natur zur moralischen Botschaft wird

Über Jahrhunderte wurden Naturereignisse theologisch gelesen: Die Sintflut, Sodom und Gomorra oder die ägyptischen Plagen sind klassische Muster, in denen Naturkatastrophen als Reaktion auf menschliche Verfehlungen interpretiert werden.

Erdbeben, Seuchen oder Missernten galten selten als bloße physikalische Vorgänge, sondern als Zeichen, Gericht oder Mahnung Gottes – ein Tun‑Ergehen‑Zusammenhang, der moralische Ordnung und kosmisches Geschehen verknüpft.

Dieses Schema hat zwei Effekte:

Erstens macht es Naturereignisse in einem anthropozentrischen Sinn „verhandelbar“, weil Gott als Gegenüber mit Absichten, Emotionen und möglicher Umkehr angesprochen werden kann.

Zweitens verschiebt es Probleme wieder ins Zwischenmenschliche – Sünde, Kollektivschuld, moralische Besserung – und damit in einen Raum, den wir mit unseren gelernten sozialen Problemmustern bearbeiten können.

Die Natur wird dadurch erzählerisch „humanisiert“: Sie reagiert wie eine Beteiligte, die auf unser Verhalten antwortet, und mit Beteiligten können wir verhandeln, bitten, klagen, hoffen.

Wissenschaft: Naturgesetze antworten nicht

Mit der naturwissenschaftlichen Weltsicht wird dieser personale Verhandlungspartner entzogen:

Naturphänomene folgen beschreibbaren Gesetzmäßigkeiten, unabhängig von unseren Wünschen, Bitten oder moralischen Qualitäten.

Wissenschaftliche Erklärungen ersetzen den personalen Gott durch Modelle, Daten und Prognosen, die keine Absichten haben und sich nicht besänftigen lassen.

Wissenschaftliche Kommunikation setzt dabei traditionell auf Logik, Evidenz und Abstraktion und bleibt oft in einem Erklärmodus, der emotional wenig andockt.

Gerade deshalb wird Storytelling in der Wissenschaft als notwendiges Werkzeug diskutiert, um komplexe Themen verständlich und bedeutsam zu machen. Inzwischen experimentieren Forschende und Kommunikator:innen genau mit dieser Lücke:

Sie verbinden solide Daten mit erzählerischen Formen – von Klimaromanen über Filme wie „Don’t Look Up“ bis zu Projekten wie dem „Climate Story Lab“. Die Idee dahinter: Wissenschaft muss nicht weniger präzise werden, um anschlussfähiger zu sein, sie muss nur lernen, Geschichten zu erzählen, in denen sich Menschen wiederfinden.

Hier kollidieren zwei Welten: Unsere eingeübten Muster wollen jemanden adressieren, überzeugen, beschämen oder versöhnen – Naturgesetze antworten aber nicht, sondern wirken.

Ihr „Nein“ ist nicht verhandelbar, sondern ein Ereignis, das uns aus unseren gewohnten Verhandlungsszenarien herauskatapultiert.

Die Klimakrise als Hybrid: menschlich verursacht, naturgesetzlich entfaltet

Gerade bei der Klimakrise zeigt sich, wie unzureichend unsere gewohnten Deutungsmuster sind. Die Klimakrise ist kein „reines Naturereignis“ wie ein Meteoriteneinschlag, sondern eine menschengemachte Störung, die sich dann naturgesetzlich entfaltet.

Wir haben die Atmosphäre über Jahrzehnte mit Treibhausgasen angereichert, aber die physikalische Reaktion des Klimas gehorcht eigenen Gesetzmäßigkeiten, nicht unseren politischen Deals oder moralischen Appellen.

Wir können uns mit anderen Menschen über Emissionsziele einigen, aber wir können CO₂ nicht „überreden“, keinen Treibhauseffekt auszulösen.

Ethiker wie Hans Jonas haben darauf hingewiesen, dass technische Macht und Fernwirkungen eine neue Form von Verantwortung verlangen, die über klassische Nah‑Ethik hinausgeht.

Notwendig wäre ein verinnerlichtes Gemeinschaftsgefühl, das auch zukünftige Generationen und nicht‑menschliche Lebensformen einbezieht.

Hier reicht das vertraute, auf kurzfristige Gegenseitigkeit und Verhandlung angelegte Muster nicht mehr – wir stehen einem System gegenüber, das nicht verhandelt, sondern berechnet.

Ignoranz als Selbstschutz – und ihre Grenzen

Ignoranz gegenüber der Klimakrise ist selten bloß Unwissenheit, sondern häufig ein aktiver Abwehrmechanismus.

Forschung zu Klimapsychologie beschreibt mehrere Mechanismen: kognitive Dissonanz – also die innere Spannung, wenn Wissen und Handeln nicht zusammenpassen –, Distanzierung, soziale Normen und das Gefühl von Kontrollverlust.

Wer weiß, dass sein oder ihr Lebensstil klimaschädlich ist, ihn aber nicht ändern will oder kann, reduziert diese Spannung oft, indem er oder sie das Problem relativiert oder verdrängt.

Die Krise wird räumlich („woanders“) oder zeitlich („später“) fern erlebt, was die emotionale Dringlichkeit mindert. Und wenn das eigene Umfeld nicht handelt, stabilisiert das den Eindruck, dass es „nicht so schlimm“ sein kann.

Aus adlerianischer Sicht verstärkt ein schwaches Gemeinschaftsgefühl solche Tendenzen: Wer sich primär um die individuelle Position dreht und die Verantwortung „aller gegenüber allen“ nicht verinnerlicht, wird Bedrohungen, die sich nicht in den gewohnten Rahmen von Schuld, Gegenleistung und persönlichem Vorteil einpassen, eher abwehren.

Meine These, dass unsere sozial gelernten Problemlösungsmuster bei naturgesetzlichen Problemen versagen, passt genau hier: Wenn es keinen „Gegner“ gibt, den wir beschämen, überlisten oder umstimmen können, kollabiert das Muster – und Ignoranz füllt die Leerstelle. Auch ein Erfolgsmuster von Faschisten, die dieses Fehlen mit Entwürdigung von Menschengruppen sowie Hass füllen und damit sogar Erfolg haben – erbärmlich!

Wichtig ist zugleich: Ignoranz gegenüber der Klimakrise hat nicht nur psychologische Wurzeln. Sie wird durch ökonomische Interessen, politische Polarisierung, mediale Aufmerksamkeitslogiken und ungleiche Betroffenheit verstärkt.

Meine adlerianische Lesart fokussiert bewusst auf die inneren Muster – sie ersetzt aber keine Analyse von Macht, Geld und Institutionen.

Verhandeln mit Naturgesetzen – und neue Erzählungen

Wenn Naturgesetze nicht verhandelbar sind, heißt das nicht, dass wir handlungsunfähig sind.

Es heißt nur, dass wir das Feld wechseln müssen: weg vom Muster „Gegner überzeugen“, hin zum Muster „gemeinsam Rahmenbedingungen verändern“ – in Politik, Infrastruktur, Technologien und kulturellen Normen.

Klimapsychologie betont, wie sehr kollektive Selbstwirksamkeit und geteilte Geschichten von gelingendem Wandel helfen, aus Ohnmacht in Handlung zu kommen.

Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: nicht nur neue Technologien und Gesetze zu entwickeln, sondern auch neue Erzählungen, in denen wir uns als Teil einer größeren, verletzlichen Gemeinschaft verstehen – mit Menschen, zukünftigen Generationen und einer Natur, die nicht verhandelt, aber auf alles antwortet, was wir tun.

In adlerianischer Sprache wäre das eine Erweiterung unseres Gemeinschaftsgefühls: weg von der engen Bühne zwischenmenschlicher Konflikte hin zu einem Bewusstsein, das auch Natur und Zukunft als Beteiligte eines gemeinsamen Projekts begreift.

So gelesen ist die verbreitete Ignoranz nicht einfach Dummheit oder Böswilligkeit, sondern ein Zeichen dafür, dass unsere erlernten Muster am falschen Spielfeldrand stehen.

Wir versuchen, mit Naturgesetzen zu verhandeln, als wären sie verletzte Personen – und übersehen dabei, dass sich unser eigentliches Gegenüber längst verändert hat: Es sind wir selbst, als globale, miteinander verflochtene Menschheit, die anscheinend vergessen hat, dass sie ihr Raumschiff Erde in Schuss halten muss.

Quellen

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