Utopia + Idea equals REALITY

Viel Lärm um nichts? Willkommen in der Facharzt-Republik

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Deutschland, Land der Leitlinien, Gesundheitsapps und Sieben-Minuten-Termine.  

Offiziell ist Medizin die Kunst, Leid zu lindern. In der Praxis wirkt es oft eher wie die Kunst, möglichst viele Fallnummern durch ein zu enges System zu pressen – mit möglichst wenig Reibungsverlust, also möglichst wenig Mensch.  

Patientinnen erleben das als Kälte. Ärztinnen erleben es als Dauerstress. Und beide Seiten sollen glauben, die jeweils andere sei das Problem.

Geld, Stunden, Gender: Die nackten Zahlen unter dem weißen Kittel

Hinter dem heiligen Bild „Ich will Menschen helfen“ steht eine nüchterne Bilanz:

  • Fachärztinnen und Fachärzte verdienen im Schnitt um die 100.000 Euro brutto im Jahr, je nach Fachrichtung auch deutlich darüber.  
  • Monatlich sind das gerne 7.000 bis über 9.000 Euro brutto – nicht gerade Armut am Rande der Existenz.  
  • Im Schnitt arbeiten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte allerdings knapp 50 Stunden pro Woche, ein beträchtlicher Teil davon mit Patientinnen, ein ebenso beträchtlicher Teil mit Dokumentation, Verwaltung und Abrechnung.  
  • Ärztinnen verdienen im Mittel deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen – der Gender Pay Gap liegt grob um ein Viertel Unterschied, obwohl die Stunden nicht signifikant weniger sind.

Mit anderen Worten: Es ist wirtschaftlich ein privilegierter Beruf, aber keiner, der nebenbei mit 30-Stunden-Woche und Latte-Macchiato-Flatrate erledigt wird.  

Doch die eigentliche Obszönität liegt nicht in „viel Geld“, sondern darin, wofür das System bezahlt – und wofür nicht.

 Wie Patientinnen verbrennen: Medical Gaslighting als Alltag

Für viele Frauen fühlt sich die Facharztpraxis so an: Man kommt mit Schmerzen und geht mit einem Fragezeichen über sich selbst wieder raus.

  • Beschwerden werden kleingeredet: „Stress“, „Hormone“, „Sie sind halt sensibel“, „In Ihrem Alter ist das normal.“  
  • Diagnostik wird verzögert oder minimal gefahren, vor allem, wenn das Beschwerdebild komplex ist oder nicht sauber in eine Standard-Schublade passt.  
  • Symptome werden psychologisiert, bevor körperliche Ursachen gründlich abgeklärt sind – ein klassisches Muster, das inzwischen unter dem Begriff „Medical Gaslighting“ diskutiert wird.

Frauen warten im Durchschnitt länger auf bestimmte Diagnosen, werden häufiger als „psychosomatisch“ eingestuft und erleben öfter, dass ihre Schmerzen relativiert werden.  

Das Ergebnis: Sie zweifeln irgendwann eher an sich selbst als am System.  

Sie brennen nicht plötzlich – sie verkohlen schleichend.

Wie die Ärzteschaft verbrennt: Idealismus gegen Wand

Auf der anderen Seite die Ärztinnen und Ärzte: jahrelanges Studium, Examensdruck, Nachtdienste, Verantwortung für Leben und Tod – und dann ein Berufsalltag, der permanent über der eigenen Belastungsgrenze operiert.

  • Wochenarbeitszeiten von um die 50 Stunden sind normal, nicht die Ausnahme.  
  • In diesen Stunden wird nicht nur untersucht und behandelt, sondern kodiert, dokumentiert, organisiert, wirtschaftlich kalkuliert.  
  • Jede zusätzliche Minute Zuhören, Erklären, Trost spenden ist menschlich sinnvoll – aber ökonomisch nicht abgebildet. Sie kostet Zeit, bringt kein Extrahonorar und gefährdet den Durchsatz.

Wer versucht, „gute Medizin“ im ursprünglichen Sinn zu machen, zahlt oft mit der eigenen Gesundheit, mit dem eigenen Privatleben, mit permanenter Erschöpfung.  

Die innere Verhärtung ist dann kein Charakterfehler, sondern eine Überlebensstrategie.  

Sie sieht für Patientinnen aus wie Kälte – innen fühlt sie sich an wie Taubheit.

Die doppelte Diskriminierung von Frauen: als Patientinnen und als Ärztinnen

Besonders perfide ist, dass Frauen in diesem System gleich doppelt verlieren.

Als Patientinnen:

  • Ihre Symptome werden häufiger relativiert, auf Psyche oder Stress geschoben.  
  • Sie bekommen später ernsthafte Diagnosen, besonders bei Erkrankungen, die lange unspezifisch verlaufen.  
  • Sie müssen sich häufiger rechtfertigen, werden schneller in die „Übertreibungs-Ecke“ gestellt und erleben damit ein systematisches Infragestellen ihrer Wahrnehmung. (siehe oben)

Als Ärztinnen:

  • Sie arbeiten in den gleichen Strukturen, mit der gleichen Arbeitsbelastung, der gleichen Verantwortung – verdienen aber im Schnitt deutlich weniger.  
  • Sie rennen gegen gläserne Decken, Rollenbilder, Teilzeitstrafen, strukturellen Sexismus im Klinik- und Praxisbetrieb.  
  • Ihr Anspruch, empathisch und zugewandt zu arbeiten, kollidiert doppelt mit der Realität: mit dem Systemdruck und mit Erwartungen, „als Frau“ quasi kostenlos emotionalen Mehrwert zu liefern.

So entsteht ein zynischer Kreislauf:  

Frauen werden als Patientinnen nicht ernst genommen.  

Diejenigen Frauen, die Ärztinnen werden, werden im System selbst nicht voll ernst genommen.  

Und am Ende stehen zwei erschöpfte Gruppen, die einander misstrauen, während die eigentliche Verursacherin – die Systemlogik – kaum in den Blick kommt.

Die perfide Ökonomie: Wofür sich das System wirklich interessiert

Das System interessiert sich nicht für Leid – es interessiert sich für abrechenbare Leistungen.

  • Standardisierte, kurze Fälle sind ideal: Diagnostik, Rezept, Code – fertig.  
  • Chronische, diffuse, komplexe Beschwerden – wie sie viele mitbringen – sprengen jede Taktung und sind wirtschaftlich unattraktiv.  
  • Empathie, Zuhören, ausführliche Aufklärung werden nicht belohnt, sondern durch Zeitdruck eher bestraft.

Wer als Ärztin oder Arzt in diesem System arbeitet, muss sich entscheiden:

  • Mache ich das, was menschlich richtig ist – und gehe damit an meine persönlichen Grenzen, nehme wirtschaftliche Nachteile in Kauf?  
  • Oder mache ich das, was das System belohnt – nüchtern, durchgetaktet, sicher, aber zunehmend seelenlos?

Das Ergebnis sehen wir jeden Tag:  

Patientinnen und Patienten empfinden die Versorgung als kalt und entwürdigend.  

Ärztinnen und Ärzte empfinden ihre Arbeit als entleert und zermürbend.

Verbrennen auf zwei Grillrosten – und niemand löscht

Am Ende stehen sich zwei verbrannte Gruppen gegenüber:

  • Die Patienten, die zum zehnten Mal hört, dass ihre Schmerzen „nicht so schlimm“ sind und sich irgendwann fragen, ob sie noch richtig fühlten 
  • Die Ärzte, die zum hundertsten Mal am Tag nicht so zuhören können, wie sie es eigentlich möchten, und sich irgendwann fragen, wo ihr ursprünglicher Antrieb geblieben ist.

Beide brennen im selben Feuer, nur auf unterschiedlichen Grillrosten.  

Und das System gießt weiter nach: mit Fallpauschalen, Zeitbudgets, Regressdrohungen, Personalmangel und einer Kultur, die Menschlichkeit als Luxus behandelt.  

Wenn sich das seelenlos, anonym und kalt anfühlt, liegt das nicht an dir, nicht an „Einzelfällen“ – es liegt an einer Architektur, die genau diese Kälte einplant, um funktionieren zu können.

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